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„Schreie der Kinder, Schreie der Frauen, Schreie der Vögel, Schreie der Blumen, Schreie der Bäume und Steine . . .“ Pablo Picassos Gemälde Guernica ist der Aufschrei eines erschütterten Menschen angesichts der unmenschlichen Greuel des 20. Jahrhunderts. Mit all seiner künstlerischen Kraft, seiner geistigen Energie setzte er Protest und Empörung ins Anschauliche um. Ein Fanal gegen die Macht des Bösen im Namen der Menschlichkeit.

Die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die Legion Condor am 26. April 1937 dauerte eine Dreiviertelstunde. Pausenlos warf ein starkes Geschwader von Maschinen deutscher Herkunft Bomben bis zu einem Gewicht von 500 Kilogramm ab. Gleichzeitig feuerten Jagdflugzeuge im Tiefflug auf die Einwohner. In kürzester Zeit stand die ganze Stadt in Flammen.

Picasso hatte zu Beginn des Jahres 1937 von der spanischen Regierung den Auftrag erhalten, für die Weltausstellung in Paris ein Gemälde zu schaffen. Unter dem Eindruck des Angriffs auf Guernica begann er am 1. Mai 1937 mit den Studien, die von einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung zeugen und sich schließlich zu dem weltberühmten Gemälde formten. Zum entstehungsgeschichtlichen Hintergrund seiner Bildvertonung „Guernica“ (op. 32) vermerkt Steffens: „Ich versuche das bewegende Geschehen in der Elegie für Bratsche und Orchester nachzuempfinden, Furcht, Schrecken und Trauer auszulösen und musikalisch zu gestalten. Dabei verarbeitet und weitet die Komposition Materialien meines Klavierquintetts ,Ming I‘, was so viel wie Verwundung des Hellen bedeutet; ich zitiere in ,Guernica‘ ebenfalls eine Passage meiner Oper ,Eli‘. Stilistisch verhalte ich mich pluralistisch: Alles, was mir stilhistorisch verfügbar ist, benutze ich mit dem einen Ziel, das Drama von Schrecken, Furcht, Chaos, Ausweglosigkeit, Trauer und Hoffnung zu erzählen.“

Ihm sei es darum gegangen, sagt Steffens, mit musikalischen Mitteln die Thematik des Gemäldes aufzugreifen und das Grauen der Massenvernichtung heraufzubeschwören, die im 20. Jahrhundert unvorstellbare Ausmaße erreichte. Das Entsetzen beim Herannahen der Kampfflugzeuge verwandele sich in Wut, darauf folge die Trauer. „Beide Kunstwerke klagen, sie klagen aber auch an“, geht der Komponist Matthias Grimminger in einer ausführlichen Arbeit über die „Guernica“-Vertonung auf den engen Zusammenhang zwischen Orchesterwerk und Bildvertonung ein.

„An Orpheus“ (op. 62) ist der Titel einer von Steffens zwölfteilig konzipierten Werkreihe in Concertoform, die den griechischen Sänger Orpheus zum Thema hat. Das Concertino I „Kalliope und Oiagros“ stellt die tragische Liebe der Orpheus-Eltern dar, schildert einen Musentanz und besingt in Variationen eines japanischen Liedes einen blühenden Kirschbaum, der sterblich ist wie Oiagros und nur in den unsterblichen Gesängen des Orpheus weiterleben wird.

Die Verleihung des Rubens-Preises an den Maler Ruprecht Geiger in Siegen nahm die Südwestfälische Philharmonie (Landesorchester NRW) zum Anlass, Walter Steffens mit der Vertonung eines Rubens-Bildes seiner Wahl zu beauftragen. Steffens wählte das Gemälde „Wunder des Ignatius von Loyola“ (ca. 1617, Kunsthistorisches Museum Wien“), das eine Teufelsaustreibung nach kirchlichem Ritus im Petersdom zu Rom darstellt. Den Werktitel „Exi“ (op. 71) entnahm der Komponist der Tauf-Beschwörungsformel von Martin Luther: „Exi, spiritus immunde, et locum praebe spiritui sancto!“ (Fahre aus, du unreiner Geist, und gib Raum dem heiligen Geist!)

Geheimnisvolle Unruhe, Gemeindegesänge, psalmodierende Einschübe, Aufbegehren der dämonischen Mächte, geistlicher Kampf, wiederholtes Ringen und schließliche „Erlösung vom Bösen“ bestimmen den dramatischen musikalischen Ablauf. Die Synthese tonaler und atonaler Elemente ermöglicht die Charakterisierung von Farbtendenzen und Spannungsabläufen.

Zum 85. Geburtstag des 1912 in Hagen geborenen bedeutenden Malers Emil Schumacher erteilte das Philharmonische Orchester Hagen Walter Steffens den Auftrag zu einer Komposition nach einem der Bilder Schumachers. So entstand „Kerori“ (op. 72). Der sich gegenständlicher Deutung nähernde Kerori-Drache legte für Steffens „eine themenbezogene Musiksprache“ nahe. Seine Bildvertonung bleibt jedoch nicht auf äußere Darstellung beschränkt, sondern bezieht sich auf die Schilderung innerer Vorgänge, einen Prozess der Wandlung beschreibend. Steffens: „Ich deute das Schumacher-Gemälde nach den Kommentaren zum ,I Ging‘, jenem uralten chinesischen Weisheitsbuch. Dort wirkt im Drachen das Erregende, der Donner, ,der aus der Tiefe sich an den Gewitterhimmel emporschwingt‘.“ Als musikalische Ausdrucksform wurde die Annäherung an den Adagiotypus gewählt, da er „in der europäischen Musiktradition ähnlich stark seelisch-symbolhaft besetzt ist wie der asiatische Drache“.

Für Steffens hat das Bild des schwebenden Drachen zwischen Himmel und Erde eine tiefe Bedeutung: „In dieser elementaren Spannung hat die Menschheit ihre Chance; zwischen Himmel und Erde ist der Mensch beheimatet, und verfließend sind die Grenzen.“ Der Schumacher-Drache sei erdhaft und himmlisch zugleich, bescheiden und majestätisch: „Er schwebt zwischen Himmel und Erde, Materie und Geist – ein triumphierendes Symbol des Friedens.“

Copyright: Christine Longère


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